Imaginationen gesellschaftlicher Zukünfte

Imaginationen gesellschaftlicher Zukünfte

(Verantwortlich für den Vorstand: Heike Delitz, Uta Karstein) 

Seit der Neuzeit, so der Historiker Reinhart Koselleck in Vergangene Zukunft, richtet sich der gesellschaftliche Blick europäischer Gesellschaften auf die Zukunft. Seither wird Zukunft hier nicht mehr nur erwartet, sondern als gestaltbar erfahren. Die Zukunft ist in den modernen, westlichen Gesellschaften zu einem zentralen Bezugspunkt temporaler Orientierung geworden. Sie ist an die Stelle von Tradition und Schicksal getreten und entfaltet so eine spezifische gesellschaftliche Wirkmächtigkeit. Zugleich bleibt Zukunft – in diesen wie in allen anderen Gesellschaften – sowohl praktisch als auch epistemologisch unverfügbar. In diesem Spannungsfeld entfalten sich jene Praktiken, die Zukunft gleichwohl denk- und handhabbar machen sollen: Zukunft wird von Akteuren wie von Institutionen vorgestellt, imaginiert, entworfen und vorweggenommen, verhandelt und (in diesem Sinn) gestaltet. Gesellschaft, so lässt sich mit Cornelius Castoriadis darüber hinaus auch sagen, ›ist‹ stets die Vorstellung einer gesellschaftlichen Identität in der Zeit, die neben der Erzeugung einer Vergangenheit vor allem auch die einer Zukunft bedeutet. 

Das Plenum richtet seinen Blick auf gesellschaftliche Imaginationen gesellschaftlicher Zukünfte. Willkommen sind Beiträge, die sich den Modi ihrer Hervorbringung widmen, oder den sozialen Funktionen und Effekten solcher Imaginationen. Unter welchen Bedingungen stabilisieren Imaginationen gesellschaftlicher Zukünfte soziale Ordnungen, und wann und wie wirken sie politisch mobilisierend? Dabei gilt es je spezifisch zu werden: Wie haben sich in der europäischen Vergangenheit Gesellschaften in der imaginativen Hervorbringung ihrer jeweiligen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft instituiert; wie gestalteten sie jeweils z.B. den gesellschaftlichen Umbruch von religiös dominierten Diskursen der gesellschaftlichen Zeit hin zur Zukunftsorientierung und spezifisch ›modernen‹ Zukunftsimaginationen? Ebenso willkommen sind Beiträge, die zu (historischen) Zukünften in anderen, in außereuropäischen kulturellen Bedeutungssystemen und Gesellschaftsformen Auskunft geben: Wie verändern sich diese in dem Moment (und in den darauffolgenden, langen Jahrhunderten), in dem sich diese Gesellschaften mit der europäischen Moderne und/oder Kolonialmächten und deren Institutionen von Zeitlichkeit und Zukunft konfrontiert sahen? Nicht nur angesichts der ökologischen Krisen sowie der zunehmenden Relevanz planetarer Zeitlichkeit gilt es ebenso zu fragen, wie in den europäischen und außereuropäischen Gesellschaften gegenwärtig die je eigene Zukunft instituiert wird. Wie gestalten sich die Imaginationen von Zukunft in einer Gegenwart, in der die Visionen der europäischen Moderne grundlegend in Frage gestellt werden?

Von Interesse ist dabei je nicht nur die inhaltliche Ausprägung der Zukunftsvorstellungen in den verschiedenen Weltregionen und Zeiten, sondern auch, wie solche Vorstellungen (gegebenenfalls) global zirkulieren und lokal angeeignet werden. Damit rücken zugleich die Praktiken und die Prozesse des Imaginierens in den Blick, in denen kollektive Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte erstellt werden. Aus theoriegeleiteter Perspektive – wie derjenigen der Philosophischen Anthropologie (ansetzend am Menschen als Lebewesen), der Phänomenologie (ansetzend am subjektiven Bewusstsein, des Symbolischen Interaktionismus (ansetzend an den Bedeutungssetzungen wechselseitigen Handelns) oder der Systemtheorie (Gesellschaftsstruktur und Semantik) – ließe sich die Frage nach der Funktion gesellschaftlicher Imaginationen und nach den Modi ihrer Hervorbringung stellen. Imaginationen werden in solchen Ansätzen nicht nur als handlungsleitend oder soziale Praktiken begleitend verstanden, sondern auch als wesentliche Treiber gesellschaftlicher – zuletzt vor allem technologischer – Innovationen. Das Imaginieren gesellschaftlicher Zukünfte legitimiert entsprechendes Handeln in der Gegenwart und setzt somit Leitlinien für tatsächliche Entwicklungen, etwa über Formen der Planung und Projektion. Zugleich – und dies gerade vor dem Hintergrund apokalyptischer Zukunftsszenarien – wird die soziale Fantasie angerufen, um Horizonte des Möglichen auszuloten. 

Wer imaginiert wie in welchen sozialen und kulturellen Kontexten welche Zukunftsvorstellungen, und mit welchen faktischen Folgen? Welche Gruppen beteiligen sich wie am Imaginieren gesellschaftlicher Zukünfte – und welche Rolle schreiben sie sich selbst und anderen in diesen Zukunftsnarrationen zu? Welche sozialisierende oder auch polarisierende Wirkung entfalten die Zukunftsimaginationen? Wie werden in diesen Prozessen Macht- und Ungleichheitsverhältnisse oder solche von Natur und Kultur, Gesellschaft und Technik (re-)produziert? Aber auch: wie, mit welchen Techniken und ästhetischen Formen gewinnen je bestimmte Imaginationen an Plausibilität und Geltung und entfalten ihre affizierende Wirkung, während andere resonanzlos bleiben? Dabei wären – wie schon angedeutet – stets auch die symbolischen Modi und die kulturellen sowie medialen Techniken der Zukunftsimagination und ihrer Verbreitung (in Vergangenheit und Gegenwart) zu untersuchen: von Bildern, Erzählungen und Texten über Filme, Figuren und Memes bis hin zu statistischen Prognosen und ihren Darstellungen. 

Schließlich ist die Soziologie selbst an der Hervorbringung gesellschaftlicher Zukünfte beteiligt. Entsprechend ließe sich danach fragen, welche Imaginationen von Zukünften sich in klassischen wie auch aktuellen soziologischen Theorien und Diagnosen finden. Welche Zukunftsvorstellungen transportieren soziologische Begriffe, Figurationen und Statistiken? Was bedeutet der Umgang mit Zukunft für die soziologische Imagination wie auch für die Außendarstellung soziologischer Forschung, in der soziologische AutorInnen und Werke je ihrerseits Zukünfte der Gesellschaften imaginieren, denk- und handhabbar machen sowie wissenschaftlich plausibilisieren?

Jury: 
Silke Steets (s.steets(at)tu-berlin.de)
Tobias Schlechtriemen (tobias.schlechtriemen(at)soziologie.uni-freiburg.de)