Soziologie als Wissenschaft der Zukunft? Methodologische und wissenspolitische Überlegungen

Soziologie als Wissenschaft der Zukunft? Methodologische und wissenspolitische Überlegungen

(Verantwortlich für den Vorstand: Heike Delitz)

Zahlreiche, oft weitreichende und existentielle gesellschaftliche Entscheidungen und Planungen (in Politik, Medizin, Klimatologie, Wirtschaft usw.) stützen sich auf Wissensformen, die versuchen, die Zukunft darstellbar, erwartbar, kalkulierbar und bearbeitbar zu machen. Pandemie und Klimapolitik haben die herausragende politische Bedeutung und Dringlichkeit solcher Formen des Zukunftswissens in das öffentliche Bewusstsein gehoben. Dabei wurde auch sichtbar, dass neben den klassischen Formen statistisch verfahrender Prognosen neue Verfahrensweisen – der Simulation, der Modellierung und der Szenario-Planung – eine wichtige Rolle spielen (wie sie im Plenum ›Simulation‹ eigens zum Thema werden). Darüber hinaus sind es Digitalisierung und KI, die weitere Möglichkeiten datengetriebenem Zukunftswissens erzeugen. 

In diesem Plenum soll es über je konkrete Prognosen und Szenarien und deren Methoden hinaus um methodologische und wissenspolitische Fragen gehen – um die Überlegung, dass ein solches Wissen stets auch eng mit Praktiken des Regierens und der politisch gesteuerten Transformation von Gesellschaft verbunden ist. Das Plenum will verschiedene Positionen in die Diskussion bringen: solche, die die politische Bedeutung von soziologischem Zukunftswissen affirmativ hervorheben und betonen; und solche, die eher eine kritisch-distanzierte Perspektive auf Soziologie als Zukunftswissenschaft einnehmen:

Angesichts multipler Krisen und Herausforderungen werden gegenwärtig Techniken der Imagination, des Designs sowie der Planung methodologisch und politisch neu bewertet. Zukunft drängt sich hier einerseits als epistemisches Objekt neuer und alter Wissensformen auf, und sie erhält andererseits im Kontext politischer Gestaltung und Planung auch eine neue Dringlichkeit. Die Soziologie hat als Wissenschaft also ein doppeltes Verhältnis zu dieser Neukonfiguration von Zukunftswissen und von epistemischen Zukunftspraktiken: Auf der einen Seite ist sie selbst durch die Möglichkeiten der Datafizierung, Simulation, Imagination und Modellierung methodologisch neu herausgefordert. Als empirische sozialwissenschaftliche Disziplin ist sie zugleich lange schon in Zukunftsprognosen involviert und bringt diese vielfältig hervor. Als ›Public Sociology‹ hat sich das Fach darüber hinaus transdisziplinären Praktiken geöffnet, in denen wissenschaftliche Forschung einerseits, und politische Transformation andererseits über die Erzeugung von Zukunftswissen enger verknüpft werden. Soziologische Expertise wird dann (vielleicht mehr noch als bisher) zu einem wichtigen Teil der gesellschaftlichen Zukunftsbearbeitung – etwa mit Blick auf Fragen von Nachhaltigkeit, Gesundheitsprävention oder Demografie. Auf der anderen Seite nimmt die Soziologie auch weiterhin die Rolle einer Reflexionswissenschaft ein, die darauf abstellt, die je konkreten Formen, über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden, kritisch und mit Blick auf damit verbundene Politiken zu analysieren, also (in vergleichender wie historisch informierter) Absicht zu beschreiben, wie über gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen und auf Zukunft bezogenen Wissenspraktiken gesellschaftliche Ordnungen entworfen und bearbeitet werden. 

Das Plenum möchte diese doppelte Rolle der Soziologie als ›Wissenschaft des Zukünftigen‹ diskutieren. Es greift damit das Themenpapier für den Mainzer Kongress auf, in dem es an zentraler Stelle heißt, der Kongress will ›die Soziologie als Zukunftswissenschaft in doppelter Hinsicht […] aktivieren: als Disziplin, die Zukunft als Gegenstand empirisch und theoretisch untersucht, und als Fach, das selbst zukünftige Entwicklungen imaginiert, prognostiziert und modelliert‹. Die Soziologie wird weiter als Disziplin vorgestellt, die selbst ›Perspektiven auf alternative Entwicklungen und Utopien eröffnen kann.‹ Hieran anschließend lädt das Plenum zu Vorträgen ein,

  • welche die Soziologie selbst als wissenschaftliche Praxis der Erschließung von Zukunft verstehen, und auf die Bedeutung und Relevanz genuin soziologischen Wissens in den mannigfaltigsten Zukunftspraktiken reflektieren. Dabei geht es darum, über Einzelstudien hinaus die grundlegende Frage zu erörtern, welche Rolle die Soziologie für die gegenwärtige Dringlichkeit der Zukunft hat und haben kann. 

  • welche die historischen oder gegenwärtigen Formen soziologischen Zukunftswissens reflektieren und darauf abzielen, die sozialen, kulturellen und politischen Dimensionen dieses Zukunftswissens zu analysieren. Eingeladen sind auch Beiträge, die der Geschichte derartiger Wissenstechniken nachspüren und dies mit der Frage der Soziologie als Wirklichkeits- oder aber als ›Möglichkeitswissenschaft‹ verbinden. 

  • die auf die methodologischen und wissenspolitischen Grenzen derartiger Wissensformen reflektieren: Welche Verzerrungen oder welcher Bias gehen mit welchen Methoden der Vorhersage einher, und welche gesellschaftliche Verantwortung hat eine sich als Zukunftswissenschaft verstehende Soziologie? Damit verbunden wäre auch zu fragen, was hier eigentlich genau als ›Zukunft‹ erfassbar gemacht wird – und was gerade nicht, angesichts der unhintergehbaren Unvorhersehbarkeit von Zukunft.

Jury: 
Lars Gertenbach (lars.gertenbach(at)uni-osnabrueck.de)
Ute Tellmann (tellmann(at)ifs.tu-darmstadt.de)