Das richtige Leben im falschen? Die Zukünfte der Gesellschaft zwischen individuellem Optimismus und kollektiven Zukunftsängsten

Das richtige Leben im falschen? Die Zukünfte der Gesellschaft zwischen individuellem Optimismus und kollektiven Zukunftsängsten

Ausrichtende Sektionen: Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse, Familiensoziologie, Soziale Indikatoren, Modellbildung und Simulation

Die Einschätzung ihrer persönlichen Zukunft weicht bei Menschen häufig von der Einschätzung zur Zukunft ihres Landes oder ihrer Kinder ab. Über Jahrzehnte hinweg sahen Menschen in Deutschland die Zukunft des Landes und der kommenden Generationen pessimistischer als ihre eigene. Erste Analysen deuten darauf hin, dass diese Differenzen seit den 2010er Jahren größer geworden sind (BMWK 2024, Bindler und Walther 2025, Buchinger et al. 2024, de Vries & Hoffmann 2020). Eine solidere empirische Fundierung dieser vermeintlichen Divergenzen fehlt bislang ebenso wie eine gründliche Diskussion über die Ursachen sowie darüber, ob eine solche zunehmende Differenz auch auf unterschiedliche Lebensbereiche zutrifft. Außerdem wurde bisher wenig darüber diskutiert, welche Auswirkungen ein solcher Pessimismus auf gesellschaftliche Entscheidungen in Bereichen wie Familie, Bildung, Arbeitsmarkt und gesellschaftlicher Zusammenhalt hat (Babst et al. 2024; Helm et al. 2021). 

Das Plenum versammelt Beiträge, die individuelle und kollektive Zukunftsaussichten und den Widerspruch zwischen individuellem Optimismus und kollektivem Pessimismus empirisch oder theoretisch-konzeptionell analysieren und mögliche Folgen für die Zukünfte der Menschen in Gegenwartsgesellschaften skizzieren. Dabei können u.a. die folgenden Leitfragen im Fokus stehen: 

  • Welche unterschiedlichen Zukünfte konstruieren die Menschen?
  • Welche Rolle spielen mediale Narrative in der Konstruktion gesellschaftlicher Zukünfte?
  • Welche Ursachen lassen sich für eine zunehmende Divergenz persönlicher und kollektiver Zukunftsaussichten identifizieren?
  • Wie verändert sich die Vorstellung vom ›guten Leben‹ in einer ökologisch begrenzten Welt?
  • Und welche Folgen hat es, wenn das gute Leben in einer schlechter werdenden Gemeinschaft zu führen ist?
  • Wie beeinflussen individuelle Einstellungen und das persönliche Zukunftsempfinden unter verschiedenen theoretisch plausiblen Szenarien demografische und soziale Dynamiken?
  • Wie verändern sich soziale Ungleichheiten durch verschiedene Zukunftserwartungen?
  • Lassen sich Stimmungen von handlungsleitenden Bewertungen unterscheiden?
  • Wie wirken sich kollektive Zukunftsängste auf politisches Handeln und demokratische Beteiligung aus?
  • Welche Rolle spielt soziale Zugehörigkeit für zukunftsbezogene Handlungsfähigkeit?
  • Wie kann soziologische Theorie Orientierung in Zeiten multipler Zukunftsunsicherheiten bieten?

Jury:
Prof. Dr. Leonie Steckermeier (leonie.steckermeier(at)rptu.de)
Prof. Dr. Katja Möhring (katja.moehring(at)uni-bamberg.de)

Literatur

Babst, A., M. Groß & V. Lang, 2024: Rise of Populism: Identity Threats as an Explanation in Relation With Deprivation and Cultural Fear. Political Research Quarterly 77: 805–820. https://doi.org/10.1177/10659129241246213 
Bindler, A. & H. Walther, 2025: Das Sicherheitsgefühl in Deutschland ist sozial und regional ungleich verteilt. DIW Wochenbericht 30 / 2025: 463-471. https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-30-1
Buchinger, L., T. Entringer & D. Graeber, 2024: Zufriedenheit mit Einkommen, Arbeit und Gesundheit unterscheidet sich nach Haushaltseinkommen, Alter und Elternschaft. DIW Wochenbericht 34 / 2024: 523-531. https://doi.org/10.18723/diw_wb:2024-34-1 
Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), 2024: Gleichwertigkeitsbericht 2024. Für starke und lebenswerte Regionen in Deutschland. https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Wirtschaft/gleichwertigkeitsbericht-der-bundesregierung-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=904 
De Vries, C.E. & I. Hoffmann, 2020: The Optimism Gap. Personal Complacency versus Societal Pessimism in European Public Opinion. eupinions 2020/1. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/eupinions_The_Optimism_Gap.pdf 
Helm, S., J.A. Kemper & S.K. White, 2021: No future, no kids–no kids, no future? Population and Environment 43: 108–129. https://doi.org/10.1007/s11111-021-00379-5