Kapitalismus ohne Zukunft oder Zukunft ohne Kapitalismus? Zukunftsentwürfe und Aspirationen im Kontext gegenwärtiger sozio-ökonomischer Umbrüche
Kapitalismus ohne Zukunft oder Zukunft ohne Kapitalismus? Zukunftsentwürfe und Aspirationen im Kontext gegenwärtiger sozio-ökonomischer Umbrüche
Ausrichtende Sektionen: Arbeits- und Industriesoziologie, Europasoziologie, Frauen- und Geschlechterforschung, Organisationssoziologie, Sozialpolitik, Wirtschaftssoziologie.
Das von Polanyi beschriebene ambivalente Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie wird derzeit vielerorts sichtbar. Die Ausweitung des Marktes in der neoliberalen Ära des Kapitalismus geht mit Macht und Vermögenskonzentration einher, kann längst nicht mehr zentrale Aufstiegsversprechen einlösen und zerstört soziale Sicherheiten. Damit untergräbt diese Form des Kapitalismus die Grundlagen der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der weltweit erstarkende Rechtspopulismus bricht zunehmend mit den grundlegenden Prinzipien eines neoliberalen Kapitalismus und stellt Globalisierung und freien Handel in Frage. Die ›unsichtbare Hand‹ des Marktes wird mehr und mehr durch die ›starke Hand‹ autoritärer Regime ersetzt. Es scheint, als ob demokratische Institutionen immer weniger in der Lage seien, die sozialen Nebenfolgen der kapitalistischen Marktwirtschaft abzufedern und damit an Legitimität zu verlieren. Zugleich fordern die multiplen Krisen – etwa Klima, demografischer Wandel, Migration oder disruptive Technologien – und die damit verbundenen strukturellen Umbrüche zentrale kapitalistische Leitideen wie Wachstum, Meritokratie und Massenkonsum heraus.
Das ambivalente Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie berührt in entscheidender Weise auch wie Gewinne und Lasten kapitalistischer Transformation verteilt sind. Zum einen ist der Zugang zu Ressourcen und die Verteilung von bezahlter wie unbezahlter Arbeit hochgradig vergeschlechtlicht, zum anderen geraten sozialstaatliche Umverteilungsmechanismen zunehmend aus dem Takt. Prozesse (post-)neoliberaler Privatisierung und Responsibilisierung nehmen alle Individuen in die Pflicht, Zukunftsrisiken individuell abzusichern, dabei wird einerseits der Zuständigkeitsbereich der Sozialpolitik delegitimiert, während sich anderseits patrimoniale und broligarchische Strukturen verfestigen und die Konzentration von Vermögen und Macht in männlich codierten Eliten absichern. Kapitalistische Zukünfte erscheinen damit doppelt strukturiert: durch die universale Ausweitung individueller Verantwortung einerseits und die fortdauernde Privilegierung exklusiver Eliten andererseits. Die Individuen stehen zunehmend in der Pflicht ihre Zukunft selbst abzusichern, haben dafür aber höchst ungleiche Ressourcen zur Verfügung. Während sich für die einen Prekarisierung und Zukunftsängste zuspitzen, lenken die anderen Kapitalströme und kontrollieren den Zugang zu Zukunftsvisionen.
In dieser Gemengelage der multiplen Umbrüche und sich verhärtenden sozialen Ungleichheiten wird die Reproduktion von Arbeitskraft, Gesellschaft und Natur zunehmend brüchig. Dies wirft die Frage auf, wie zukunftsfähig die aktuelle Iteration des Kapitalismus ist: Welche kapitalistischen Prinzipien, Praktiken, Arrangements und Institutionen gelten als erhaltenswert und wo werden Alternativen notwendig und entworfen? Wie wird sich das Verhältnis von Kapitalismus, Nationalstaat und internationalen Organisationen (wie der Europäischen Union) neu justieren? Wer wird in ökonomischen Zukunftsvisionen mitgedacht – und wer bleibt ausgeschlossen? Wer ist in der Lage Kapitalismus in Zukunft einzuhegen und zu kontrollieren und wie? Welche kapitalistischen Verwerfungen motivieren Akteure, Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft neu zu denken – und welche Dysfunktionen vermögen sie zu ignorieren? Wo verhindert der real existierende Kapitalismus die Beschäftigung mit alternativen Zukünften? Wie wird das zukünftige Verhältnis zwischen Kapitalismus und Demokratie konzipiert? Und warum bleibt es leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen, als eine Welt ohne Kapitalismus?
Die Plenarveranstaltung thematisiert, wie gesellschaftliche Akteure die Zukunft des Kapitalismus denken und aushandeln. Dabei sollen Zukunftsvorstellungen auf der Mikro-, Meso-, und Makroebene analysiert und ihre Verbundenheit diskutiert werden. Relevant sind Reflexionen über Zukunftsvorstellungen von Kapitalismus in Biographien und Familienerzählungen, in Unternehmensstrategien und den Visionen von Gewerkschaften, NGOs oder Verbänden, ebenso wie in politischen und medialen Diskursen oder interorganisationalen Arenen. Von besonderem Interesse ist dabei eine transnationale, europäisch- oder global vergleichende Perspektive. Das Panel nimmt diese vielfältigen Vorstellungen in den Blick und fragt nach den Möglichkeitsräumen von, mit und jenseits gegenwärtiger kapitalistischer Logiken.
Jury:
Isabell Stamm (stamm(at)tu-berlin.de)
Katharina Zimmermann (katharina.zimmermann(at)uni-hamburg.de)

